Nalizok-Gedichte

Wednesday, October 15, 2008

Ein Anderes Gedicht

Die Hütte, vermoost, am Rande des Sumpfes.
Die Hütte mit dem enormen Kellergewölbe
Mit eingelassenen Stahlringen in den Wänden aus Stein
Welche leuchten, phosphoreszierend.

Die Hütte mit dem Dachstuhl, dem hölzernen.
Darin lagern Kisten, gefüllt mit Artefakten.
Primitive Skulpturen, schimmelige Bücher.
Ein alter Leichnam, mumifiziert.

Die Hütte kennt keine Worte, sie ist stumm.
In ihr wohnt ein Mann, dessen Sohn ist Student.
Der Mann hat ein Alkoholproblem, er heißt "TOM".
Er ist Künstler, er fertigt Bänke für Fußgängerzonen.

Die Fußgängerzonen sind frei von Fußgängern.
Sie sind rollstuhlsicher, barrierefrei.
Die Umgebung ist verstrahlt, oder es wird von 
Verstrahlung erzählt, denn ganz in der Nähe

Steht ein Atomkraftwerk.
Welches leise strahlt, 
Keine Worte kennt,
Nur schöne Energie und gute Kraft.

Thursday, September 18, 2008

Atomkraft

Das Atom
Atom Atom Atom
Die Kraft des Atoms
Warum, warum nur lehnst du sie ab?
Das Atom lehnst du ab.

Böse ist es, so böse. So stark
Wir wollen es nicht, es ist zu stark.
Windenergie wollen wir,
Doch bitte ohne Windräder
Auf unseren stillen grünen Auen,
Oder die Autobahnen säumend.
Ihr Rauschen und Pfeifen,
Ihr stolzer Wuchs ist und zuwider.

Und die Kraft der Sonne!
Saubere Kraft.

Wir verübeln es dem Atom, daß es uns nicht sorglos
Energie verschwenden lässt, denn es ist heimtückisch.
Jahrzehntelang mag es uns klaglos dienen, doch dann:
Die Kühlung versagt!
Der Schmelzpunkt ist erreicht, der kritische Masse überschritten
Strahlung entweicht!

Ja, der Sonne Strahlung macht uns stark, denn sie ist groß und mächtig
Doch das Atom, das kleine, dunkle, allgegenwärtige?
Seine Strahlung ist böse, und heimlich raubt sie uns die Lebensfreude
Wir wollen es vernichten!

Atomkraftfreunde sagen Kernkraft, die Feinde nennen es beim Namen:
Atom!
Atomkraftwerke abschalten! Sofort!
Wir brauchen sie nicht!
Die sanften Mörder: Atomkraftwerke.
Gefahr für Mensch und Wasser.
Atomkraftwerke demaskiert.
Katastrophe auf Raten!

Nur einer sprach bedächtig
Vom Wesen und und der Bedeutung der Atomkraftwerke
Doch das liegt so weit zurück!
Wer wusste denn damals schon!
Vor Tschernobyl!

Brokdorf!
Isar 2!
Grohnde, Krümmel, Emsland!
Grundremmingen, A und B!
Biblis, Greifswald, Würgassen.
Eure Mega-, Giga-, Terawatt
Wir wollen sie nicht!

Gebt uns die Sonne!
Sonne! Hitze! Strahlungstod!

Saturday, December 8, 2007

Die Verborgene Festung

Ich bin die verborgene Festung.
Ich bin nicht einnehmbar,
Mir ist alles egal.
Ich habe kein Herz.

Tief in den Fels geschmiegt,
Und diamantgehärtet.
Die Nacht in meinem Inneren
Erhellt von der Strahlung meiner Wände
Die von Schimmel und Fäulnis herrührt.

Mein Eingang ist schmal, so schmal,
Eng, so eng. Wer mich betreten will
Soll hungern zuerst, daß er durch die Pforte passe.

Niemand wird mich einnehmen,
Niemals. Und ich bestimme, wer den Schutz
Meiner stählernen, diamantgehärteten Wände
Genießen darf, und wie lange.

Wer langsam verschimmelnde Manuskripte lesen darf
Im Licht meiner faulenden Wände.
Und wer, nach langer Suche, den Geheimgang
entdecken darf, welcher gewunden sich einen
Weg bahnt durch den Felsen, der mich bettet
Und schließlich in ein weites Tal führt,
Welches ich beherrsche.

Ein fruchtbares Tal, welches ich beherrsche,
Ohne daß jemand davon weiß,
Denn ich bin verborgen
Und meine Herrschaft ist unsichtbar und sanft.

Saturday, September 22, 2007

Die Geschichtenmaschine

Tief in einem Schacht, darüber ein Berg.
Diamantverkleidete Innenwände aus Stahlbeton
Armiert mit armdicken Stahlkabeln:
Bewehrungsstahl!

Der tiefe Schacht, so tief. Tiefer als je ein Schacht
Zuvor gegraben wurde.

Am Ende ein Gewölbe, kuppelförmig; das Innere
Einer Halbkugel. Unter dem höchsten Punkt der Kuppel,
Mit blinkenden Lichtern, summenden Transistoren,
Schaltenden Relais, erhitzten Kondensatoren,
Die Geschichtenmaschine, ihre Lippen aus Blech
In rastloser Bewegung. Sie spricht:

"Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen
Redete und hätte die Liebe nicht,
So wäre ich ein tönendes Erz
Oder eine klingende Schelle

Und wenn ich prophetisch reden könnte
Und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis
Und hätte allen Glauben, so daß ich Berge versetzen könnte,
Und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.

Die Liebe ist langmütig und freundlich,
Die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen,
Sie bläht sich nicht auf."

Sunday, September 9, 2007

Hinter der Dampfwalzenfabrik

Rentner, Schwerbehinderte, Sozialempfänger
Asozial-Empfängerin
Flüchtlinge, auf feuchten Strassen
Starrend auf karge Wände.

Die Schatten auf dem Bretterzaun der Dampfwalzenfabrik
Scheinen blau, denn das Licht der Gaslaternen, der wenigen, ist gelb.


Der Bürgermeister, der erste Bürger, geht manchmal
Nachts durch die freudlosen Strassen seiner Stadt
Und grüßt wortlos die Sozialempfänger
Doch Dankbarkeit findet er nicht.

Tuesday, July 10, 2007

Der offene Brief

Alle Fernsehsender sollen es wissen.
Die Zeitungen, und auch das Radio.
Morgen früh wird es geschehen! Ich werde mich selbst verbrennen.
Die Atomlobby, die Atomlobby!
Eine Bande von Lügnern.

Ich verbrenne mich
Nicht aus Verzweiflung!
Nein, ein Fanal soll es sein.
Ein kleiner Leuchtturm auf dem Lügengebäude
Der Atomlobby!

Morgen auf dem Marktplatz.
Die Menschen werden es erleben.
Kurz herausgerissen aus ihrem Leben.
Durch das Schauspiel einer brennenden Person.
Die noch schreit:

Eure Lügen haben keine Macht mehr über mich!
Pazifist bin ich, ein Pazifist, doch eure Lügen
Sie trieben mich zum Äußersten!

Friday, July 6, 2007

Das Haus am Sumpf

Es steht ein Haus am Rand des Sumpfes,
Wo Schlingpflanzen wuchern, und Bäume,
Langwurzelige, sich knotig in den Boden krallen,
Den weichen, fast flüssigen.

Es ist eine Hütte mehr,
Ein morsches Gestell, ein Schuppen.
Darin wohnt der Mann aus Schimmel, der langgliedrige.
Sein Sohn ist Student.

Der Mann aus Schimmel geht kreuz und quer
In seiner Hütte, von Unruhe erfüllt, auf und ab.
Er greift sich ein Buch, und legt es zurück,
An einen anderen Platz, auf das er es nicht wiederfinde.

Unruhe treibt ihn hinaus, zum Sumpf, den trügerischen,
Der schon manchen Vater, Bruder, Sohn verschluckt.
Denn Frauen, Mütter, Töchter, Schwestern gibt es nicht
Rund um den Sumpf, sie meiden das Feuchte.

Der Mann aus Schimmel, der langgliedrige, greift sein Boot
Mit flachem Kiel, und schiebt es hinaus in den braunen Schlamm
Und in einer geübten Bewegung schwingt er sich hinein
Und sitzt nun schwankend, einen Stecken in der rechten Hand.

Den Stecken, die Stange, schiebt er tief hinein in den Sumpf,
Den unergründlichen, denn irgendwo ist Widerstand genug,
Und mit bedächtigen Bewegungen seiner langen Arme
bewegt er sein Boot in die Mitte des Sumpfes.

Dort angekommen, verharrt er, schwankend, blickend, und wendet sein Haupt.
Bis er sein Haus sieht, am Rande des Sumpfes.
Dort stehen Geister, die ihm winken, und lockend die Finger krümmen.
Er reißt sich los vom Anblick, dem süßen, und stößt seinen langen Arm tief hinein
In den modrigen Morast.

Er zieht etwas hervor, etwas längliches, sich windendes. Es ist
Ein Wort. Er nimmt es an einem Ende, und peitschend schlägt er es mehrfach
Gegen die gekerbte, abgeflachte Kante seiner Ruderbank, bis es Ruhe gibt.
Nun untersucht er es, und kann es lesen: LEHASCHLIM

Es ist ein gutes Wort, und der Mann aus Schimmel nickt.
Und wendet sein Boot, und richtet den Bug auf sein Hütte,
Und stößt sich ab vom trügerischen Grund, steuert seinem Heim zu,
Wo die lockenden Geister ihn erwarten.

Sunday, June 10, 2007

Aus dem Wortsumpf

Es steigt auf,
Aus dem Wortsumpf,
Dem Urschleim,
Der Ur-Buchstabensuppe,
Ein Wort.

Zufällig entstanden,
Langkettig, sinnvoll,
Und lesbar.
Das Wort, das den Anfang bildet.
Den Anfang einer neuen Mode:

Sprache!
Denn ohne Sprache sind wir nichts.
Mit Sprache sind wir mehr als Leute;
Personen sind wir,
Und haben etwas zu sagen.

Im Sumpf da schwimmen
Halbgebildete Wortungeheuer,
Etwa: Haubise, oder Rurzel,
Lühe, Wehnsut, Lehitgabel.
Sie sind krank, und gekrümmt.

Doch das eine Wort,
Voll ausgebildet, lesbar
Und verständlich
Es ist ein schönes Wort,
Und wertvoll, weil besonders.

Es schwebt über dem Wortsumpf,
Das erste Wort.
Strahlend schwebt es,
Es weiss um seine Schönheit.
Es ruft "Hört meinen Namen!"

"Ihr Halbgebildeten, Gekrümmten
Ihr Buchstaben, Silben!
Hört meinen Namen, und schweigt!
Hört wie ich laute, und mich buchstabiere:
Ich bin das erste Wort - mein Name ist Programm"

"Ich bin am Anfang, ich bin das WORT!
Denn am Anfang war das WORT!
Und ich heiße: (und hört gut zu,
Denn fremdländisch klingt mein Name,
und zeigt kein Verdienst an)"

"SCHEM ÄTZEM!"

Da zucken sie zusammen, die gekrümmten
Wörter, unbeholfen, unfertig.
Sie spüren, nun wird es anders.
Nun reiht sich Buchstabe an Buchstabe,
Schneller und immer schneller.

Bis sie dasteht, die ganze Sprache
Die Menschen zu Personen macht,
Personen zu Persönlichkeiten,
Mit Wortprügeln, den mächtigen.
Womit sie einhauen, auf die Sprachlosen.

Monday, June 4, 2007

Worte

"Du beschmutzt mich mit Worten!"

"Deine Gedanken mögen rein sein, doch deine Worte
Sind schon lange tot, und ihr Verwesungsgeruch hängt nun mir an,
Dem du deine Worte gewidmet hattest!"

"Meine Worte sind wie verfaulte Baumstämme.
Was darunter hervorkriecht, ist nicht mein Werk."

"Nicht dein Werk? Deine Zunge ist ein verfaulter Baumstamm!
Was DArunter hervorkriecht, ist nicht dein Werk!
Denn Nacht herrscht in dir, wenn Du nach Worten suchst,
Ganz dunkel ist es, du tastest, und was du findest,
Du sprichst es aus. Und glaubst daran."

"Ein Felsbrocken bist du, der vor sich hinbröckelt,
Und auf dem die Ameisen herumkrabbeln. Dein Wort
Ist nichts, eine Phrase, ein Tarnwort,
Für Einmischung in meine Gedanken!"

"So war denn alles nichts, was ich sprach, und woran ich glaubte,
Als ein Haufen dampfenden Mists. Oder nur der Dampf des Misthaufens.
Auf dem ein Hahn kräht, und seine Worte sind ehrlicher als meine es je waren.
Es ist wahr, schon immer sprach ich,
Um das Schweigen meiner Seele zu übertönen."

Saturday, May 19, 2007

Der Vater

Der Vater blickte mich an aus seinen grünen Augen,
Der Vater mit dem grauen Bart, den gelben Zähnen.
"Mein Sohn," so spricht er "bald musst Du sterben!"
"Ich weiss es, Du und Deine Brüder, ihr plant schon
Meinen Tod! Und dann wollt ihr mit eurer Mutter schlafen!"

"Du bist nicht MEIN Vater, und Brüder habe ich nicht." sprach ich.
"Das ist egal, im Prinzip läuft es auf das Gleiche hinaus!"
Ich blickte ihn an. Seine Augen hatten einen trüben Glanz.
"Es ist immer das Gleiche mit euch! Schlangenbrut."
So sprach er vor sich hin und entzündete seine Pfeife.

Der Qualm erfüllte den kleinen Raum mit der Toilette, auf der er saß.
Den ganzen Tag, umhüllt vom süßen Duft von Tabak und Exkrementen.
"Und nun geh, mein Sohn, ich will nun in Ruhe meine Herrenmagazine lesen."
"Ich verstehe" sprach ich, und schloss die Tür. Noch lange stand ich davor.
Lauschte dem Rascheln von Papier, atmete die Luft des Vaters, die durch den Türspalt drang.

Monday, May 14, 2007

Schloss Wolfenstein, plastisch

Ich erinnere mich gut, an die rechtwinkligen Wände in Schloss Wolfenstein
An die Wände und an die Tische und Stühle, zweidimensional, nicht zum Sitzen geeigent.
Unter den spitzen Dächern, in den Dachstühlen, wispern automatische Kryptographen,
Die böse Botschaften aussenden in die Welt, die aus nichts besteht.

In einem der Räume im Schloss mit den rechtwinkligen Wänden, lauert ein toter Vater.
Er wartet mit seiner Spritze. Sein Sohn ist Student.
Eine Mutter gibt es auch, doch von ihr will ich schweigen.

Wände, rechtwinklige, Tische, Stühle, und Steinkrüge, zweidimensionale, und Aufzüge.
Das Schloss ermutigt laufende Fortbewegung. Manchmal ist Schleichen ratsamer.
In den Labyrinthen: halte dich immer links, oder immer rechts. Niemals abwechseln.
Das ist eine gute Lehre für das Leben, das wechselhafte.

Meine Seele!
So gellt der Schrei durch die rechtwinkligen Fluchten.
Hüte Dich vor jenen Orten ohne rechte Winkel.
Denn auf diese ist kein Verlass.

Sunday, May 13, 2007

Der Bürgermeister von Ginnungagab

Siegmund Atan, das ist der Bürgermeister.
Weise, mit bedächtiger Hand, und voller Willenskraft
Lenkt er die Geschicke seiner Stadt.

Als die Kupferminen schlossen,
Drängte es die Bewohner dieser Stadt
In die angrenzenden Hügel.
Doch Siegmund Atan hielt alles zusammen.

Stolz trägt er die goldene Kette, die ihm sein Amt verlieh.
Und nie sieht einer ihn ohne sie.

Sunday, May 6, 2007

Der Wolfgang-Engel

Ein Boot nanntest du dein,
Von gedrungener Gestalt,
Wie Du warst von gedrungener Gestalt.
Mit bauchigem Rumpf,
Mit tiefer Brust, vorn schmal,
Wie der Kiel deines Bootes.

Dies ist Wolfgang, wenn ich an ihn denke:
Selbst mir als Kind erschien er untersetzt.
Kurze, starke Arme, tonnenförmige Brust
Charakterpanzerträger, voll unnatürlicher Lust
"Froh bin ich, wenn ich mein Motorboot lenke,
Stark steh ich am Steuer, kalt und unverletzt!"
So sprach er.

Wie oft schwebt mir dieser Engel vor!
Der untersetzte, nicht schwebende, flügellose
Doch mit kurzen starken Armen.
Der Engel, der böse, mit dem englischen Namen:
Joy!

Geschwellt war seine tiefe Brust, doch fasste sie nicht genug.
Darum lief sein Kompressor, oft stundenlang,
Und füllte Stahlflaschen mit Luft. Viele Atmosphären dicht!
Brumm brumm brumm, lief sein Kompressor,
Und Joy war froh!

Seine drei Kinder entsprangen nicht seinen Lenden,
und waren sich selbst nicht gut.
Zwei Brüder, Uz und Buz, kämpften ohne Unterlass,
und warfen sich die ungleiche Elternschaft vor.
Uz hatte eine Schwester, Unju, diese war allen fremd.
Alle drei Kinder prahlten gerne mit Wolfgang.
Wo der hinhaut, da wächst kein Gras mehr.
So sprachen sie.

Wolfgang war meist still, aber er konnte auch laut werden.
Mit seinen starken Armen schlug er manches Kind,
Doch meist warf er sie; beiseite, auf das Bett, oder von seinem Boot.
Manche sagen: so war er nicht, oder nicht nur,
Auch sanft konnte er sein, verständnisvoll.
Doch wieviel Glauben kannst Du solchen Worten schenken,
Der du selbst schon die Kraft in Wolfgangs kurzem Arm spürtest?